Religionsunterricht macht Spaß! - Sicht einer Muslima

  • Religiöse Bildung | 26.04.2021

Nisrine Akoudad ist ebenfalls Studierende am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium in Trägerschaft des Bistums Essen - und sie ist Muslima. In einem Interview beschreibt sie, wie sie den christlichen Religionsunterricht erlebt, was es bedeutet, in einer sehr heterogenen Gruppe zu lernen und wie interreligiöser Dialog das Lernen an ihrer Schule prägt.

 

Nikolaus-Groß-Abendgymnasium: Warum haben Sie den Wunsch, das Abitur nachzuholen?

Nisrine Akoudad: Ich möchte unbedingt Medizintechnik studieren. Außerdem möchte ich immer das Beste aus mir herausholen. Da das Abitur der höchste Schulabschluss in Deutschland ist, wollte ich diesen Abschluss auch selbst erreichen.

NGA: Wann haben Sie erfahren, dass der Besuch des Religionsunterrichts an dieser Schule verpflichtend ist?

Nisrine Akoudad: Natürlich war ich zunächst überrascht von der Information, dass auf dem Zweiten Bildungsweg Religion belegt werden muss. Das war mir am Anfang gar nicht so klar. Aber schnell kam auch Freude hinzu, da ich selbst religiös bin und es für wichtig halte, sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Hinzu kam ein wenig Angst, dass es schwierig sein könnte in diesem gemischten Kurs, aber die Lehrer haben uns sofort aufgefangen und es war gar kein Problem.

NGA: Bemerken Sie als Muslima Unterschiede in der Weltsicht zwischen sich und anderen Studierenden im Kurs?

Nisrine Akoudad: Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen und erlebe, dass das Christentum zum Teil noch eine große Rolle spielt und fand es sofort positiv, dass ich mich durch die Teilnahme am Religionsunterricht damit intensiv auseinandersetzen kann. Hier bin ich mir sicher, dass ich mir ein fachlich fundiertes Wissen erarbeite – das ist mir wichtig. Ich denke da zum Beispiel an religiöse Feiertage – nun kann ich die Gesellschaft, in der ich lebe, besser verstehen. Außerdem finde ich den erteilten Religionsunterricht sehr bereichernd, da er oft über rein religiöse Inhalte hinausgeht und zur Persönlichkeitsbildung beiträgt.

NGA: Erleben Sie denn Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen?

Nisrine Akoudad: Es werden sehr häufig Gemeinsamkeiten und Unterschiede gerade zwischen dem Islam und dem Christentum erarbeitet und diskutiert, dies bereichert den Religionsunterricht ungemein. Bei den Diskussionen bleiben wir fair und sachlich und diskutieren objektiv.

NGA: Inwiefern hat sich Ihre Sicht auf das Christentum durch den Unterricht geändert?

Nisrine Akoudad: Ich erlebe das schon seit dem Kindergarten. Da gab es den St. Martin, den ich vorher nicht kannte. Hier bekomme ich dagegen sehr tiefe Einblicke in die christliche Religion, da wir sie von A bis Z kennenlernen. Es ist schön, eine Religion zu verstehen und zu wissen, warum die Menschen in meiner Umgebung in die Kirche gehen. Religion trifft mich auch im Alltag. In Filmen wird darüber gesprochen. Menschen haben Haltungen zur Religion. Da interessiert mich immer, woher der Glaube der Menschen kommt. So intensiv spricht man in unserem Alter normalerweise nicht über Religion, deswegen bin ich froh, dass ich die Möglichkeit hier bekomme. Das gefällt mir besser als andere Fächer, mit denen ich später nichts mehr anfangen werde.

NGA: Fühlen Sie sich im christlichen Religionsunterricht in Ihrem Glauben ernstgenommen?

Nisrine Akoudad: Insgesamt werde ich hier in allen Fächern, so auch im Religionsunterricht, ohne Vorurteile betrachtet und darf bei allem mitsprechen. Ich empfinde es als Einladung. Wir werden auch nicht so behandelt, als sollten wir alle am Ende der Schulzeit Pfarrer werden.

NGA: Gab es Impulse aus dem Religionsunterricht, über die Sie in Ihrem eigenen Alltag nachgedacht haben?

Nisrine Akoudad: Gerade das veränderte Zusammenleben durch das Zusammentreffen von Christentum und Islam hat mich sehr stark interessiert. Auch die Kriegserfahrungen des Christentums und die frühen Christenverfolgungen fand ich interessant und ich habe mich gleichzeitig auch mehr damit auseinandergesetzt, inwiefern es dies auch gegenüber dem Islam gibt.

NGA: Was würden Sie neuen Studierenden, die keine Christen sind und jetzt anfangen, das Abendgymnasium zu besuchen, über den Religionsunterricht sagen?

Nisrine Akoudad: Religionsunterricht ist überraschend positiv, modern, fundiert, vielseitig, offen, tiefgründig, manchmal fordernd und macht Spaß!

NGA: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte ein Autorenteam des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums