DIGI:Tales - Starke Schüler in der Schule von morgen

  • Digitalisierung an Katholischen Schulen | 17.12.2020

Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Und welche Rolle spielt Digitalisierung in der Bildung dabei? Benedikt Stratmann, Schulleiter der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule in Wuppertal und Carsten Finn, stellvertretender Schulleiter, geben einen Einblick, was Schülerinnen und Schüler für ihre Zukunft brauchen. Und sie berichten, wie digitale Bildung an der St.-Anna-Schule bereits umgesetzt wird.

 

Hochkonzentriert und motiviert sitzt die Klasse 6a der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule im gedimmten Kunstraum, die Schülerinnen und Schüler sind auf ihre iPads fokussiert. Geübt werden Pinselstriche auf die eigenen Portraitfotos gelegt und verbunden, nach und nach füllen sich die Flächen mit variierenden Farben in verschiedenen Violetttönen. „Das ist eine kreative Art, sich zu Beginn des neuen Schuljahres vorzustellen“, beginnt Anna Marx, die Kunstlehrerin der Klasse. Doch es ist noch viel mehr: „Im letzten Schuljahr wurden die Grundlagen der Farbenlehre praktisch erlernt und nun können die Lernenden erfahren, welche Effekte sich mit Kontrasten erzielen lassen“, ergänzt sie.

Das Unterrichtsprojekt ist ein glänzendes Beispiel, in welche Dimensionen die künstlerischen Erfahrungen mit Hilfe der kostenlosen App „SketchBook“ vordringen können, die mit Farbe und Pinsel in den ersten beiden Kunststunden des Schuljahres nie hätten erreicht werden können. Das ist wirkliche Modifikation des Unterrichts, so wie es im SAMR-Modell gemeint ist.

Wir öffnen in diesem Beitrag Fenster – Fenster, die Einblicke in völlig neue Methoden erlauben. Fenster, die einen Weg in die Schule der Zukunft aufzeigen können. Dabei ist es für die Entwicklung Katholischer Schulen entscheidend, sich nicht in Wünschen, Märchen und fernen Ideen zu verlieren, sondern die realen Bedingungen unserer Gesellschaft aufzugreifen. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln können, ausgestattet mit Kompetenzen, die eine Navigation durch die digitale Welt mit all ihren Chancen und Risiken ermöglichen, in Freiheit ihren Lebensweg selbstbestimmt zu gestalten. Damit Schule das leisten kann, sind fünf Anforderungen an die digitale Schule der Zukunft entscheidend.

Digitale Schule der Zukunft – stärkt die Persönlichkeit des Einzelnen

Anna Marx ordnet ein: „Das iPad ist bei dem Unterrichtsvorhaben nicht nur ein Werkzeug, es eröffnet Möglichkeiten, kreative Entscheidungen zu erproben, zu revidieren und ganz Neues zu versuchen“. Neues heißt hier nicht nur, bisher ungeahnte Ergebnisse zu produzieren. Neues bedeutet vielmehr, den gesamten Prozess der Umsetzung kreativen Potenzials neu zu gestalten, sich von Ballast zu befreien und Potenziale zu nutzen. Was vordergründig schlicht als hilfreich für die Lernenden bei der Produkterstellung erscheint, ist bei genauem Hinsehen viel mehr – es ist die Förderung von Gestaltungsmut und Kreativität ohne Angst vor dem einen falschen Strich, der zum Neuanfang zwingt. Und somit schließlich ein Ausdruck von Freiheit, die Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Stärkung des Einzelnen, die Individualität und die Anleitung zu Produktivem und reflektiertem Nutzen der Werkzeuge ist dabei die besondere Verantwortung Katholischer Schulen. Denn schließlich ist es ein zentrales Merkmal des Christseins, die von Gott gegebene Freiheit verantwortungsvoll einzusetzen.

Digitale Schule der Zukunft – knüpft an die Lebenswelt der Schüler an

Das gilt insbesondere in einer Gesellschaft, in der sich in den letzten drei Jahrzehnten Strukturen fundamental geändert haben, und doch ist das, was wir alltäglich erleben, nur der Anfang einer atemberaubenden digitalen Erweiterung der Lebenswelt. Denken Sie einen Moment an ihren selbst erlebenten Erdkundeunterricht mit Rollkarten vorne im Klassenraum und dem klassischen Weltatlas auf dem Tisch. Lösen Sie sich von der Romantik der Gedanken an die eigene Schulzeit, die in einer anderen Zeit spielte, in der auf den Karten noch andere Grenzen in Europa eingezeichnet waren: Ist nicht ein digitaler Atlas viel aktueller? Kann nicht die Zoomfunktion in „google earth“ ein exaktes Betrachten des Untersuchungsgegenstands ermöglichen? Und können nicht Aufgaben viel individueller gestellt werden? Wie viele Lernende nehmen einen Atlas in Papierform mit zur Auslandsreise? Und ein wenig in die Zukunft gedacht: Welche Auswirkungen hat die Möglichkeit von Online-Übersetzungen für die Notwendigkeit, in Sprachen Vokabeln und Grammatik zu pauken? Können interkulturelle Kontakte nicht viel schneller hergestellt werden? Und müssen in Zeiten von Computer-Algebra-Systemen sämtliche komplexe Regeln zur Bildung von Stammfunktionen im Mathematikunterricht über Stunden eingeübt werden?

Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es freilich nicht – aber es gibt die Notwendigkeit, dass sich Schule diesen Fortschritten stellt und begründete Schlussfolgerungen zieht und dabei ihren umfassenden Persönlichkeitsbildungs-Auftrag im Blick hat. Auf jeden Fall ist es nicht mit dem Bildungsauftrag Katholischer Schulen, Schülerinnen und Schüler zu freien und selbstbestimmten Menschen zu erziehen, vereinbar, traditionelle Verfahren zu lehren, für deren Ausübung es keine alltagsweltliche Begründung mehr gibt, die nur noch in der Schule einen Sinn in sich hätten (in sich oder an sich??)

Digitale Schule der Zukunft – verknüpft Wissen und Kompetenzen

Schulbücher auf Papier prägen seit Jahrhunderten das Lehren und Lernen und werden es wohl auch noch weitere Jahrzehnte. Der Sinn klassischer Schulbücher war es stets, das Wissen einer Disziplin zu sammeln, zu strukturieren, zu veröffentlichen und zu didaktisieren. Das hat von hunderten von Jahren zur Befreiung des Menschen beigetragen, ist aber in der Entwicklung des freien, gebildeten Menschen nicht das Ende der Entwicklung. Im Jahre 2020 ist das Wissen in allen Disziplinen zu jeder Zeit gesammelt, veröffentlicht und didaktisiert, nämlich im Internet. Somit besteht eine existenzielle Aufgabe von Schule darin, dieses Wissen zu strukturieren und so den Lernenden eine sinnvolle Nutzung zu ermöglichen. Das Faktenwissen ist stets abrufbar, und so ist es eine hohe Verantwortung von Schule, den jungen Menschen Hilfestellung zur Ordnung in die Informationsflut zu geben, damit sie lernen, Informationen zu erkennen, zu filtern, zu bewerten und zu nutzen. Diese Kompetenzen sind in der modernen Welt ungleich höher anzusiedeln als der reine Erwerb von Fachwissen.

Digitale Schule der Zukunft – leistet einen Beitrag zu mehr Teilhabe und Gerechtigkeit

Damit digitale Schule diesen Ansprüchen gerecht werden kann, ist der uneingeschränkte Zugang zum Internet eine notwendige Bedingung. Daraus folgt, dass Schulen Orte sein müssen, die einen schnellen, sicheren und flächendeckenden Zugang zum Netz bieten. Und dass die Lernenden über Endgeräte verfügen, die eine Teilhabe an der Entwicklung ermöglichen, denn „Bildung schafft entscheidende Voraussetzungen für die Möglichkeit der Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft. Zugleich gibt es bei den Teilhabechancen im Bildungsbereich selbst immer noch eine erhebliche soziale Ungleichheit“, wie die deutschen Bischöfe in der Verlautbarung „Erziehung und Bildung im Geist der Frohen Botschaft“ erklären.

Daraus ergibt sich als einzig mögliche Schlussfolgerung der Anspruch und die Verantwortung der digitalen Schule, eine 1:1-Ausstattung der Lernenden mit schulverwalteten, gleichen Endgeräten herbeizuführen. Auf Dauer wird das nur elternfinanziert und ergänzt durch geeignete Sozialmodelle funktionieren können. Die durch den Corona-Lockdown am 13.3.2020 entstandene Herausforderung, ganz plötzlich den Präsenzunterricht auf ein Lernen auf Distanz umzustellen, zeigte überdeutlich die Korrelation zwischen Ausstattung und sozialer Herkunft der Lernenden. Strukturierte, durch die Schule geförderte Medienkompetenz kann nur dann hergestellt werden, wenn die Lehrkräfte an den Schulen einheitliche Strukturen vorfinden, auf denen ein systematischer Aufbau eines Mediencurriculums gewährleistet werden kann. Die Klasse 6a der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule in Wuppertal arbeitet seit einem knappen Jahr in diesem Setting, und erst dadurch ist Kunstlehrerin Anna Marx in der Lage, auf der Grundlage der Verfügbarkeit digitaler Werkzeuge den Kreativprozess völlig neu zu gestalten.

Digitale Schule der Zukunft – schafft Offenheit statt Begrenzung

Digitalität wird noch immer mit Hardware in Verbindung gebracht. Letztlich sind WLAN-Verbindungen, iPads, Stifte und Apps aber nur Werkzeuge für den Zugang zur neuen Welt. Sie dürfen kein Selbstzweck sein für digitale Schulentwicklung – und am allerwenigsten lediglich eine Ersetzung des Analogen entsprechend dem S im SAMR-Modell, indem Schulbücher nun als pdf-Version zur Verfügung gestellt werden. Wenn es gelingt, auf der Basis einer leistungsfähigen Infrastruktur und sich entwickelnden Angeboten im Internet Unterrichtsprozesse digitaler zu gestalten, dann meint das in der digitalen Schule der Zukunft nicht (nur) die erweiterte Nutzung auf dem Bildschirm statt auf Papier. Vielmehr ist es die Öffnung von Denkprozessen und Handlungsstrukturen, die möglich wird. In der digitalen Schule der Zukunft vernetzen sich Lehrende und Lernende miteinander und untereinander in wesentlich mehr Dimensionen als bisher. Kollaboratives Arbeiten ist eine Selbstverständlichkeit, nicht nur der Effizienz wegen, sondern auch weil es auf die Erfordernisse einer geänderten Berufswelt vorbereitet. Die Vermittlung von sequentiellem Fachwissen weicht einer Offenheit in der Auswahl derselben, einer Offenheit der Methodenwahl und schließlich einer Stärkung der Individualität.

Denken wir also die digitale Schule der Zukunft als ThinkTank, als großes, kreatives Gebilde, in dem starke Persönlichkeiten gemeinsam Gedanken entwickeln, austauschen und reflektieren.

 

Von Benedikt Stratmann (Schulleiter Erzb. St.-Anna-Schule Wuppertal) und Carsten Finn (stellv. Schulleiter Erzb. St.-Anna-Schule Wuppertal)

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Zeitschrift "impulse" des Erzbistums Köln