Identitäts-"Bildung" in Zeiten der Digitalisierung

  • Schwerpunkt: Digitalisierung an Katholischen Schulen | 24.08.2020

An der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule in Wuppertal wird Digitalisierung großgeschrieben. Die technische Ausstattung bildet dabei nur die notwendige Grundlage für das eigentliche Ziel mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler: ein wertebasierter, reflektierter und verantwortungsvoller Umgang mit den unzähligen Möglichkeiten und Herausforderungen des Lebens in der digitalen Welt.

 

Das Handy eine Armlänge vor sich halten, vor dem Hintergrund ausrichten, mit dem Daumen den Auslöser betätigen – so wie Hannah es hier vor der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule in Wuppertal macht, um in ihren sozialen Netzwerken zu zeigen, dass es nach den coronabedingten Schulschließungen endlich wieder mit dem Präsenzunterricht weitergeht, so praktizieren es Millionen Schülerinnen und Schüler jeden Tag.

Identität und Selfies

Die Heranwachsenden in der besonders diffizilen Phase der Selbstfindung sehen sich seit jeher mit existenziellen Fragen konfrontiert: „Wo stehe ich in dieser Welt?“, „Was macht mich aus?“, „Wie möchte ich von anderen gesehen werden?“ – durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit der Handys und die ständige, unmittelbar mögliche Kommunikation über soziale Netzwerke gewinnt die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung damit an Relevanz, die täglich erlebt wird. Häufig wird die Selbstdarstellung, etwa in Form von Selfies oder anderen Bildern bzw. Videos, als Druck oder gar Belastung empfunden, etwas posten zu müssen, oder umgekehrt werden Dinge in die Netzwerke gestellt, ohne dass die Jugendlichen sich ausreichend Gedanken gemacht haben.

Daher ist es für Katholische Schulen so bedeutsam, den Fokus darauf zu richten und im Sinner einer vertieften Auseinandersetzung die Selbstdarstellung explizit zum Thema zu machen sowie um die religiöse Perspektive zu erweitern. Denn nach dem Selbstverständnis Katholischer Schulen werden sie ihrem Bildungsauftrag in besonderer Weise gerecht, wenn sie Phänomene der Wirklichkeit auch aus religiöser Perspektive betrachten und so den ihnen anvertrauten Lernenden ein erweitertes Weltverstehen und somit mehr Möglichkeiten zur Weltdeutung ermöglichen.

Ein „religiöser Inhalt“ in Selfies?

Die Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht der Klasse 8c staunten nicht schlecht, als ihre Religionslehrerin Carolin Grauer zu Beginn der neuen Unterrichtsreihe einstieg: „Bitte nehmt jetzt eure Handys, macht ein Selfie und zeigt es eurem Nachbarn“. Doch schon direkt danach folgten tiefergehende Fragen, die von den Lernenden erörtert werden sollten: „Was seht ihr auf den Bildern eures Nachbarn?“, „Was will euer Nachbar mit dem Bild aussagen?“, „Gibt es noch eine weitere Botschaft, die ihr mit dem Bild sendet?“. Die darauffolgende lebhafte Debatte dockte direkt an die Lebenswelt der Jugendlichen an und ging dabei auch schnell in die Tiefe. Dieser Einstieg in das Unterrichtsvorhaben „Wer bin ich? Wer will ich sein?  - Auseinandersetzung mit Selfies als digitaler Selbstinszenierung“ ist beispielhaft für die Ausrichtung von Unterricht in uns mit der digitalen Welt, die im weiteren Verlauf der Sequenz über ethisch-moralische Fragen eine inhaltliche Dimension erhält, die das Leben in der digitalen Gesellschaft in den Fokus rückt. „An den Selfies kann man viel festmachen und andocken. Das kommt auch im Laufe des Religionsunterrichts immer mal wieder vor und in die neuen Lehrpläne ist das Thema fest eingearbeitet. Da geht es ums Glücklich sein und woran man das sehen kann. Und natürlich ist man von da aus dann thematisch schnell bei den theologischen Themen. Ich spreche dann mit der Klasse über den Sinn des Lebens und was das mit den Begriffen Selbstbild, Abbild und Ebenbild Gottes zu tun hat“, erklärt Religionslehrerin Grauer.

Tatsächlich kommt bei den Schülern nach dem Selfie-Einstieg eine rege Diskussion in Gang, in der darüber debattiert wird, ob und in wieweit man beispielsweise über ein Profilbild Aussagen über sich vermittelt, die so gewollt oder eben nicht gewünscht sind. „Wenn ich dann frage, wie die Schüler denn zum Posten von religiösen Botschaften stehen, gehen die Meinungen noch weiter auseinander. Glauben wird dann häufig als etwas Privates eingestuft“, erläutert Carolin Grauer vor dem Hintergrund ihrer Unterrichtserfahrungen. Sie ist überzeugt: „Ein Selfie kann jeder Schüler und jede Schülerin in wenigen Sekunden erstellen. Dass es aber möglicherweise zu einer jahrelang wirksamen Außendarstellung beiträgt, das müssen sie von Grund auf lernen“.

Chance für die curriculare Eigenprägung

Der Medienkompetenzrahmen NRW implementiert Medienkompetenz zum Beispiel durch die Kernlehrpläne in die Obligatorik aller Unterrichtsfächer. Auf dieser Grundlage eröffnet sich besonders vor dem Hintergrund der curricularen Eigenprägung Katholischer Schulen ein Feld, auf dem die Vermittlung christlicher Werte weit über den Religionsunterricht hinauswachsen kann. „Die Fragen von Identität und Selbstfindung im Internet haben eine sehr relevante Bedeutung für die Jugendlichen und dabei geht es ja nicht nur um Selfies. Es werden auch Formen von Pornografie und Gewalt im Netz berührt. Und nicht zuletzt ist das große Thema Datenschutz ja auch nur ein Ausdruck des ständigen Konflikts zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit“, weiß Carolin Grauer mit Bezug auf ihre unterrichtlichen Erfahrungen zu berichten.

Der Umgang und vor allem die kritische Reflexion der Identitätsdarstellung im Internet wird parallel zum Unterricht in Religionslehre an der St. Anna-Schule beispielsweise im Fach Wirtschaft-Politik thematisiert, indem der Blick auf den recht jungen Berufszweig des „Youtubers“ gelegt wird: das Unterrichtsvorhaben problematisiert neben moralischen Fragen der Selbstdarstellung im Netz auch ökonomische Aspekte sowie sozialstaatliche Herausforderungen, die sich aus der Selbstständigkeit der Youtuber ergeben. Letztlich wird hier wieder der Bogen geschlagen zu der im Fach Katholische Religionslehre im Kernlehrplan implementierten Urteilskompetenz, nach der alle Schülerinnen und Schüler „persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen einer an biblisch-christlicher Ethik orientierten Lebens- und Weltgestaltung, auch im Hinblick auf Herausforderungen durch den digitalen Wandel der Gesellschaft erörtern.“

Katholische Schule als Wegbegleiter ins digital vernetzte Leben

Als Katholische Schule stellt sich die Frage der Identität vor dem Hintergrund der Digitalisierung in doppelter Dimension: Die Identität Katholischer Schule, die die Vermittlung von Medienkompetenzen in allen drei Dimensionen als Kernauftrag betrachten muss sowie auch die Identität der Lernenden, deren Handeln in „Social Media“ und im Internet auf der Grundlage eines gefestigten Welt- und Menschenbildes gestärkt werden soll. Dabei wird der Blick ebenso explizit auf die Ausprägungen der Digitalisierung gerichtet, wie zum Beispiel auf die Botschaft von Selfies, wir auch als Brille angenommen, durch die auf gesellschaftliche Phänomene geblickt wird.

Als unbedingte Voraussetzung dafür muss eine Katholische Schule die Digitalisierung als gesamtgesellschaftlichen Prozess annehmen und sie in hervorragender Weise implizit und explizit in das Schulleben und in den Unterricht integrieren. Das Ziel dabei ist stets, dass die ihr anvertrauten jungen Menschen nicht nur fähig im Sinne von Handhabung und Bedienung sind, sondern vor allem gestärkt werden in der Fähigkeit zur Reflexion und zur Bildung eines Wertegefüges. Dass dabei auch Gewissens- und Glaubensfragen nicht nur berührt, sondern im Kern gestellt werden, zu diesem Erkenntnisgewinn kann nicht nur der Religionsunterricht einen gewichtigen Teil beitragen. Eine optimale technische Ausstattung der Schule und der Schülerschaft sowie die tiefergehende Einbettung digitaler Medien in den Unterricht nicht nur als fundamentaler Baustein für neue, kooperative Lernformen bilden die Grundlage für die wertegebundene Medienkompetenz, die der Anspruch besonders der Katholischen Schulen ist. Und so kann Katholische Schule als ein integraler Bestandteil der Identitätsbildung betrachtet werden, wenn Céline aus der 8c ihre eigene Identität in der digitalen Welt reflektiert oder auch Hannah beim nächsten Klick auf den Auslöser einfach nur einen Moment darüber nachdenkt, welches Bild sie von sich selbst preisgeben möchte.

 

Von Carsten Finn, Studiendirektor i.K., stellvertretender Schulleiter der Erzbischöflichen St. Anna-Schule in Wuppertal

Dieser Text ist zuerst erschienen  in der Zeitschrift "impulse" des Erzbistums Köln.

 

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