Ein digitaler Leuchtturm

  • Schwerpunkt: Digitalisierung an Katholischen Schulen | 21.07.2020

„Digital, weil katholisch“: Unter diesem Motto setzt das Kollegium der St.-Anna-Schule in Wuppertal seit mehr als 20 Jahren die Digitalisierung im Schulalltag um. Unterstützung bekommt das katholische Gymnasium dabei von seinem Träger, dem Erzbistum Köln. Schulleiter Benedikt Stratmann gibt Einblicke in das medienpädagogische Konzept und dessen Umsetzung, schuleigene Fortbildungen und erklärt, was Digitalisierung mit christlichem Verständnis von Bildung zu tun hat.

 

Zwei Finger gleiten scheinbar schwebend über das Display des Tablets, nur einen Moment später weiten sich die Finger und das Bild, das auf dem Display entsteht, offenbart seine Detailfülle. Während die Schülerin ein Bild in das richtige Format bringt, füllt sich wie von Geisterhand ein Rahmen mit einem Text, der weitere Informationen zum Thema liefert. Wir befinden uns im Unterricht einer digitalen Klasse 9 an der Erzbischöflichen St. Anna-Schule in Wuppertal.

Das Erzbistum Köln nimmt als ein großer Schulträger mit 32 Schulen den Bildungsauftrag der katholischen Kirche, der inhaltlich auf den in der „Gravissimum educationis“ definierten Paradigmen fußt, sehr ernst. Jede dieser Schulen bietet eigene herausragende Profile, die jungen Menschen helfen, ihren Weg in einer sich rasend schnell wandelnden, pluralen Gesellschaft zu finden und mit sicherem Blick auf die Lebenswirklichkeit und großer Verantwortung vor der Schöpfung einen individuellen Weg in die Zukunft zu finden. Um diesen Weg gehen zu können, ist neben vielen anderen Werten, die jungen Menschen vermittelt werden sollen, eine hohe Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien wesentlich, sie sichert die Orientierung in den gesellschaftlichen Strukturen des 21. Jahrhunderts. Diese Kompetenz auf höchstem Niveau aus der Verantwortung vor dem Menschen zu vermitteln, ist ein Ziel der Arbeit an der St.-Anna-Schule.

Neue Wege gehen – Digitaler Unterricht in der Praxis

Echte Digitalisierung führt zu Veränderungen im Alltag, die weit über den Ersatz analoger Verfahren hinausgehen. Der Ersatz des in Schulen noch anzutreffenden Overheadprojektors durch eine Dokumentenkamera hat mit Digitalisierung noch nicht viel zu tun, es ändert sich schließlich nur das Medium, nicht der Umgang mit dem Lerngegenstand. Ein hilfreiches Instrument zur Einordnung des Entwicklungsstandes einer Schule ist das von Ruben Puentedura entwickelte SAMR-Modell, das das Ersetzen analoger Prozesse durch digitale auf der untersten Stufe „S“, Substitution, sieht.

 

Die St.-Anna-Schule von oben; © Benedikt Stratmann

 

„Digital life“ bedeutet mehr als Substitution: Neue Wege, neue Arbeitsformen, neue Präsentationsformen, allesamt tiefgreifende Veränderungen des Lernens. Werfen wir einen Blick in die Arbeit der eingangs erwähnten iPad-Klasse: Echtes digitales Arbeiten nutzt die hohe Wissensverfügbarkeit ebenso wie die Möglichkeit, kollaborativ, also zeitlich und räumlich unabhängig voneinander, an einem gemeinsamen Produkt zu arbeiten. So entstehen unabhängig vom Unterrichtsfach digitale Flyer, Plakate oder andere Handouts, die im Team erarbeitet werden, an denen mehrere Lernende gleichzeitig arbeiten. Der Ideenaustausch während der Erarbeitung erfolgt über digitale Notizzettel, ortsunabhängig und nachhaltig, revidierbar und kollaborativ. Schülerinnen und Schüler, die etwa krankheitsbedingt nicht am Unterricht teilnehmen, können am Prozess ebenso teilhaben wie Austauschschüler auf der ganzen Welt. Die Produkte, die in einem solchen Unterricht oder eben auch von zu Hause aus digital erstellt werden, stehen selbstverständlich der ganzen Lerngruppe zur Verfügung, da sie über eine Lernplattform gesichert und verteilt werden. Diese räumlich und zeitlich aufgelösten Prozesse machen den wesentlichen Fortschritt des digitalen Lernens aus, sie finden sich auf den höheren Stufen „A“ (Augmentation), „M“ (Modification) und „R“ (Redefinition). Diese Stufen zu erreichen muss das Ziel digitalen Arbeitens sein, sie eröffnen den Zugang zu einer bisher nicht gekannten Vielfalt und rechtfertigen schließlich den konsequenten Wandel der Lernwelt.

Digitale Schule aus Verantwortung vor der Schöpfung

Nur wenige Themen sind in der Schulentwicklung gegenwärtig so umstritten wie der ideale Weg in das digitale Zeitalter. Ängste vor einer Entmündigung des Menschen oder etwa gesundheitliche Bedenken bei der Nutzung von digitalen Endgeräten dominieren mitunter die Diskussion darüber, wie und in welchem Maße Digitalisierung Einzug in den Unterricht in verschiedenen Schulformen halten soll.  Auch wenn die Optionen dieser Diskussion vor dem Hintergrund einer rasend schnellen Ausweitung digitaler Strukturen in der Gesellschaft gegenwärtig alternativloser werden, bestehen vielerorts noch massive Ängste vor einer flächendeckenden Nutzung digitaler Endgeräte im Unterricht. Wenn wir aber die unbegrenzte Wertschätzung vor dem Menschen als Ebenbild Gottes, das grundlegend für die gemeinsame Arbeit an Katholischen Schulen sein muss, als Maßstab setzen, sind wir verpflichtet, unseren Schülerinnen und Schülern an unseren Schulen alle Kompetenzen mit auf den Weg zu geben, die sie für eine Orientierung in der Welt des 21. Jahrhunderts brauchen und da wird eine wesentliche Kompetenz die Fähigkeit zur Orientierung, vor allem aber eine sichere und freie Urteilsfähigkeit in einer digitalen Umgebung sein, die den Menschen zu einer Urteilsbildung in Freiheit befähigt. Genau hier setzt die schon vor mehr als 20 Jahren getroffene Entscheidung für eine umfassende Digitalisierung der St.-Anna-Schule an und genau aus dem Grunde muss der sprachliche Dipol nicht „digital und katholisch“ heißen, vielmehr sollten Schulen im Erzbistum Köln in Zukunft „digital, weil katholisch“ sein. Junge Menschen im 21. Jahrhundert können die Zukunft unseres Planeten nur dann verantwortungsvoll vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes gestalten, wenn sie sich umfassend vernetzen und so partizipativ Prozesse mitgestalten.

 

QR-Code an einer Mauer der St.-Anna-Schule; © Benedikt Stratmann

 

Entwicklung durch gelebte Subsidiarität

Wenn sich eine Schule Mitte der 90-er Jahre auf den Weg ins digitale Zeitalter gemacht hat und bereits vor der Jahrhundertwende eine weitgehende WLAN-Ausleuchtung mit sinnstiftenden unterrichtlichen Nutzungsszenarien aufgebaut hatte, dann war dies nur durch eine starke Unterstützung der Schule durch den Schulträger, das Erzbistum Köln, zu realisieren. Ein hohes Maß an Vertrauen in die Kompetenz der Ideengeber und Freiheit für die Umsetzung des wegweisenden  und am Ende höchst erfolgreichen Projekts „digitale Schule“ waren die entscheidenden Voraussetzungen für die Erschließung neuer Wege. Dieser Prozess, der immer weitere, innovative Entwicklungsschritte nach sich zog, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Stärke, die die kirchlichen Organe durch das Subsidiaritätsprinzip haben können. Der Schulträger unterstützte das Projekt soweit, wie die Schule Unterstützung brauchte, erlaubte es auf der anderen Seite aber, dass die Erzbischöfliche St.-Anna-Schule ihre hohe Kompetenz in der Digitalisierung mit großer gestalterischer Freiheit einsetzen konnte, um eine wegweisende Infrastruktur zu planen und umzusetzen. Dieser Prozess endet freilich nie – auch in Zukunft werden wegweisende Entwicklungen durch Unterstützung und im Wissen um die Ermöglichung durch den Schulträger Früchte tragen.

Schulentwicklung durch Professionalisierung

Der Schlüssel zu einer Umsetzung digitaler Strukturen in der Breite ist an Schulen das Kollegium, das vom ersten Tag an Teil des digitalen Weges sein sollte: Die Technik muss dem Menschen dienen, ihm neue Horizonte eröffnen, nur dann ist sie verantwortbar. Drei Säulen tragen dazu bei, dass das Kollegium der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule digitale Medien heute selbstverständlich nutzt: Attraktive Anwendungen, verbindliche Nutzung digitaler Strukturen und Professionalisierung. Während die Angebote für eine unterrichtliche Nutzung zuerst von experimentierfreudigen Unterrichtenden angenommen wurden, ist die verbindliche Nutzung digitaler Strukturen vor allem im Bereich Verwaltung und Kommunikation ein wesentlicher Katalysator für die Nutzung in der Breite. Unterrichtende, denen noch die Sicherheit für Einsatz in unterrichtlichen Zusammenhängen fehlt, werden sicherer im Umgang mit Apps und Netzwerken, wenn vertraute, aber häufig unliebsame Verwaltungsvorgänge durch die Nutzung digitaler Strukturen einfach, transparent und zuverlässig ablaufen und zum alltäglichen Ablauf werden. Ein wesentliches Instrument zur Verbreiterung der Akzeptanz und Stärkung der Unterrichtenden ist – nicht nur hinsichtlich des Umgangs mit digitalen Strukturen – Fortbildung und Professionalisierung. Um Nutzungsszenarien in der Fläche auszurollen und anwendbar zu machen, sind Studientage, die Kollegien zur Verfügung stehen, im Rahmen des schuleigenen Fortbildungskonzepts hervorragend geeignet. Ganz besonders erfolgreich im Hinblick auf die Installation innovativer Konzepte ist an der St.-Anna-Schule das Professionalisierungskonzept, das allen Unterrichtenden offensteht, sich aber verpflichtend an neue Kolleginnen und Kollegen richtet.

 

Professionalisierung an der St.-Anna-Schule; © Benedikt Stratmann

 

Die Professionalisierung besteht aus 10 Modulen, die sich jeweils mit wesentlichen Konzepten der Schule befassen und diese für die Kolleginnen und Kollegen greifbar macht. Da auch Referendarinnen und Referendare sowie Praxissemesterstudierende teilnehmen, werden diese Konzepte zugleich für das unterrichtliche Handeln wie auch als Anstoß zu Schulentwicklungsprozessen über die Schule hinaus nutzbar gemacht. Zentrale Themen wie Schulorganisation und die Arbeit in den Sekundarstufen wechseln sich ab mit Themen wie Gesprächsführung und Digitaler Unterricht. Unterrichtende, die die Professionalisierung durchlaufen haben, bewegen sich sicher in den Abläufen des Schulalltags und setzen schulische Konzepte zielgerichtet um. Gleichzeitig erfahren die Koordinatoren, die sowohl die Entwicklung der Konzepte steuern wie auch für die Durchführung der Professionalisierungsmodule verantwortlich sind, ob ihre Konzepte im Alltag anwendbar sind.

Digitalisierung: Chancen nutzen

Der Übergang in eine hoch digitalisierte Lernform erfordert fundamentales Umdenken bei allen am Schulleben und in der Schulorganisation tätigen Gruppen. Die Verantwortung und die hohe Wertschätzung, die an Katholischen Schulen ein alltäglicher Leitfaden sein muss, verlangt, dass Katholische Schulen alle Anstrengungen unternehmen, die Chance der digitalen Welt für unsere Lernenden zu eröffnen: in Verantwortung vor der Welt, in Verantwortung vor den Menschen, in Verantwortung vor Gott.

 

Von OStD i.K. Benedikt Stratmann, Schulleiter der Erzbischöflichen St.-Anna-Schule Wuppertal

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Zeitschrift "impulse" des Erzbistums Köln

 

 

 

 

 

Lehrer, Vordenker, engagierter Christ

Er gründete den ersten Gesellenverein Deutschlands und legte damit den Grundstein des späteren Kolpingwerks: Johann Gregor Breuer. Mit kreativen Projekten wollen Pfarrer Michael Grütering von der Stiftung Seelsorge in Wuppertal und eine Schülergruppe der Erzbischöflichen St. Anna-Schule die Erinnerung an den Elberfelder Lehrer wachhalten. Ab sofort können Interessierte sich per QR-Code über den engagierten Katholiken informieren.

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Erzbischöfliche St.-Anna-Schule 

Dorotheenstr. 11-19

42105 Wuppertal

Tel.: 0202/429650

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